ROTE ROSEN

Stundenreflexionen von Philipp H.

Drei Arbeitstreffen mit Friederike

Singen – Mein Chansonsprogramm »Der Sommer 1910«

Wir beginnen mit einer harmlosen Improvisation und bewegen uns tönend durch den Raum.

Nachdem die Improvisation von allein ihr Ende gefunden hat, inspiriert Friederike mich, mich von meinen Händen durch den Raum führen zu lassen. Ich nehme durch ihre Zuwendung wahr, wann ich meine Bewegungen lenken will und wann ich mich wirklich von meinen Händen mitnehmen lassen kann – eine tolle Energie entsteht, die Stimme schwingt befreit. Ein unerwarteter, ausgelassener Klang- durch alle Lagen.

Ich habe ein Lied mitgebracht: »Der Sommer von 1910«. Es handelt von einer Frau, die sich noch an die Rosen erinnert, die sie trug, und an die Hand ihres Geliebten und die Geste, als er sich für immer von ihr verabschiedete. Ich singe das Lied, während ich noch mit meiner Wahrnehmung in meinen Händen bin, und meine Hände nehmen mich und meine Stimme mit in das Lied, in das Geschehen: ich sehe die roten Rosen in meinen Händen, meine Bewegungen verschmelzen mit der Erzählung, mein Singen ist Erzählen und ich bin mitten im Geschehen. Eine berührende Erfahrung.

In Kontakt mit mir sein – Meine Lehrtätigkeit

Diesmal begleitet Friederike mich bei der solaren Atemübung. Sie nimmt eine starke Aktivität wahr und öffnet meine Wahrnehmung für zwei Möglichkeiten: einmal ganz entschieden den Ausatem durch den Körper zu schicken, aus einer Vorstellung heraus (»ich atme aus«) und einmal ohne Vorstellung oder aktive Entscheidung, den Ausatem einfach kommen zu lassen, es dem Körper zu überlassen, wann der aktive Ausatem von selber einsetzt. Diese zweite Möglichkeit bekommt ein Eigenleben und ich nehme wahr, wie der Körper den Atem von allein organisiert.
Ich fühle mich sehr präsent und offen für die Wahrnehmung von ganz feinen Empfindungen, es ist wie ein Ankommen bei mir. Ich kann dieses Gefühl der innigen, wachsamen Präsenz auch in den Alltag mitnehmen, denn anschließend habe ich einen Termin an der Universität Potsdam, wo ich ein Seminar geben werde. Die Atemübung war eine gute Vorbereitung für mich, um im Seminarraum meinen eigenen Raum einzunehmen.

Zum Vorschein kommen – Mein Vortrag

Ich probe bei Friederike einen Vortrag, den ich in ein paar Tage halten muss. Eine ›Generalprobe‹. Ich lese aus meinem Skript vor und sie nimmt mein Vortragen wahr, hört meiner Stimme ganz genau zu und spiegelt mir, wo ich zu viel ›mache‹ und versuche, ›etwas zu bieten‹ und besonders, an welchen Stellen ich das gerade nicht mache, und authentisch und unangestrengt spreche – das sind genau die Stellen, wo ich bei mir bin und die Begeisterung für den Inhalt spüre. Friederike lädt mich dann ein, das Skript einfach wegzulegen und frei zu erzählen. Durch meine gründliche Vorbereitung gelingt das viel besser, als ich erwartet hatte! Das Reden ist wie im Fluss. Auf einmal macht es so einen Spaß. Ich bediene nicht mehr das Bild, das ich von einem Vortragenden habe. Ich kann ich sein.
Friederike ermuntert mich dazu, den Vortrag tatsächlich ohne Skript zu halten, frei zu reden. Von weiteren Vorbereitungen in der Bibliothek rät sie ab und motiviert mich stattdessen zu einem Spaziergang am Wannsee. Obwohl ich erst an dem Vorschlag zweifele, fasse ich Mut und lasse den Vortrag ruhen. Das spazieren gehen tut mir sehr wohl. Einige Tage später halte ich den Vortrag in der Tat ohne Skript, und bin entspannt. Eine tolle, befreiende Erfahrung – ich spüre viel Kontakt mit dem Publikum, während ich erzähle, und bin frei von Nervosität – die Zeit vergeht wie im Flug.